750 Jahre Hoyerswerda – Hoywoy reloaded

Jahresprojekt Kulturfabrik Hoyerswerda e.V.

Ausgangspunkt
Hoyerswerda und seine Bürger feiern im Jahr 2018 ganzjährig die urkundliche Ersterwähnung ihrer Stadt vor 750 Jahren. Die Kufa möchte sich mit eigenen Beiträgen dazu verhalten.

Idee
Grundidee des Jahresprojektes der Kufa ist es, wichtige historische Momente der Stadtgeschichte vorwiegend mit den Mitteln der Kunst (Theater, Musik, Film, Tanz, Fotografie) sowie aus der Perspektive der Bürger und Bürgergruppen von Hoyerswerda zu thematisieren und darzustellen. Das Jahresprojekt orientiert  sich an neun historischen Bausteinen (Zeitepochen/Wendepunkten), die sie mit verschiedenen Genres und künstlerischen Methoden gestalten möchte: Satire, romantische Tragödie, dokumentarisches Polit-/Tanz-Theater, Foto-Ausstellungen, Kultur-Spaziergängen, Kunst-Installationen u.a.
Der Stadtraum von Hoyerswerda wird dabei  ein ganzes Jahr lang zum Bühnen- und Präsentationsraum der Stadtgeschichts-Bausteine: Hoywoy reloaded

Thema
Thematisch-emotionales Grundanliegen des Projektes ist es, den Teilnehmern, Zuschauern und Gästen zu vermitteln und daran zu erinnern, dass immer die Bürgerschaft einer Stadt selbst der entscheidende Akteur und Gestalter der eigenen Stadtgeschichte war, ist und bleibt.

 

  1. Baustein – Schauriges Mittelalter: Die Vernichtung einer Stadt
    Dieser Baustein beruht auf folgenden historischen Fakten: Im 15. Jahrhundert erhält Hoyerswerda Stadtrecht und gerät als junge Stadt mit seiner Bürgerschaft sofort in eine  widersprüchliche Situation mit dem Oberlausitzer Sechsstädtebund („Hexapolis“) von Kamenz, Bautzen, Lauban, Löbau, Zittau  und Görlitz. Die Auseinandersetzungen der damals herrschenden Eliten mit der böhmischen Königskrone führte 1467/68 zur Belagerung der Hoyerswerdaer Burg im Zentrum des damaligen Stadtgebietes durch die Truppen des Oberlausitzer Städtebundes – am 29. August 1468 fällt die Burg und wird innerhalb von zehn Tagen durch Handwerker des Sechsstädtebundes vollständig zerstört. In den folgenden 100 Jahren suchten die gebeutelte Stadt drei verheerende Stadtbrände heim, die den Ort beinahe dem Erdboden gleichmachten.
    Wir wollen – stark die Perspektive der damaligen Bürgerschaft thesenhaft herausarbeitend und betonend – folgende Beiträge zu diesem Baustein erarbeiten:

# in Zusammenarbeit mit dem Schlossmuseum – die Erarbeitung eines historischen Stadtrundgangs, bei der die historischen Ereignisse ausgehend von dieser Epoche bis in die Neuzeit rekonstruiert werden (Beschilderung mit Info-Stelen/ QR-Code und Vernetzung zu entsprechenden Website-Inhalten / Audioguide)
Umsetzung: 2018 / 2019

# die Medienwerkstatt der Kufa / AG Trickfilm widmet sich in ihrer Arbeit im offenen Kinder- und Jugendangebot diesem Thema und erfindet entsprechende Geschichten, Premieren beim Amateurfilmfest „7 Minuten“; Oktober 2018

 

  1. Baustein: Die abgeschobene Mätresse: „Mein Volk macht mir Freude!“
    Dieser Baustein beruht auf folgenden historischen Fakten: 1705 schenkte August der Starke die Herrschaft über Hoyerswerda seiner ehemaligen Mätresse, Ursula Katharina von Teschen, ausgebootet von ihrer berühmten Mätressen-Nachfolgerin Gräfin Cosel. 1737 verkaufte sie die Stadt für eine Jahresrente von 18.000 Reichstaler für sich selbst und 6.000 Reichstaler für ihren Sohn, an August III. Zeitgleich wurde Theophilus Lessing der Ältere durch die Reichsfürstin Ursula Katharina von Teschen zum Stadtschreiber in Hoyerswerda und später zum Justizamtmann ernannt. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Theophilus der Jüngere diesen Posten, verantwortlich u.a. für die letzte Hinrichtung in der Standesherrschaft Hoyerswerdas. Sein berühmter Vetter Gotthold Ephraim Lessing hatte in dem Theaterstück „Nathan der Weise“ die Ideale, die sein Vater ihm und auch dem Vetter vermittelt hatte, niedergeschrieben.
    Der Perspektive der damaligen Bürgerschaft nachforschend, wollen wir folgende Beiträge zu diesem Baustein erarbeiten:

# In Zusammenarbeit mit der Theater AG des Lessing-Gymnasiums möchten wir mit Schülern „Nathan der Weise“ nach einer Bearbeitung von Barbara Kindermann für Kinder ab 10 Jahre auf die Schülerbühne bringen. T.: Juni 2018

# die Jugendtheatergruppe der Kufa führt das Theaterstück „Agnes H.“ auf, das die letzte Hinrichtung in Hoyerswerda behandelt T.: Juni 2018

# das jährliche internationale Straßentheaterfest der Kufa wird mit einem Mittelalterkinderfest erweitert und mit einem Wappen & Flaggen-Zeichenwettbewerb der Schulen (als Dekoration des Festes) verbunden T.: 1.7.18

# die Medienwerkstatt richtet einen Schüler-Filmkurs auf Lessing-Fabeln aus T.: Oktober 2018

 

  1. Baustein: Hurra, endlich Kapitalismus!
    Einen weiteren, wichtigen ökonomischen Wendepunkt markiert 1873 die Eröffnung der Eisenbahnlinie Ruhland-Hoyerswerda und die Entstehung einer großen Eisenbahn-Reparaturwerkstatt, sowie 1888 die Gründung der Ilse-Bergbau-Aktien-Gesellschaft, die als Konkurrenz zu der ein Jahr zuvor gegründeten Eintracht Braunkohlenwerke und Brikettfabriken AG gegründet wurde und mit dieser um den ersten Platz im Lausitzer Braunkohlerevier konkurrierte. In den Folgejahren erwarben ILSE und Eintracht zunehmend Land in der Gegend von Hoyerswerda und errichteten Braunkohlegruben, Kraftwerke und Brikettfabriken. Dadurch stieg in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Einwohnerzahl von Hoyerswerda deutlich an.
    Hier wollen wir in Zusammenarbeit mit dem Ortsteil Knappenrode und der dort ansässigen Energiefabrik Knappenrode ein spezielles Filmfest organisieren. Ein zweites Projekt bezieht sich auf den kuriosen Umstand, dass man 1923 auf Grund eines Irrtumes schon mal das 1000- jährige Bestehen der Stadt Hoyerswerda feierte.

# Filmvorführung „Das gelobte Land“ (A. Wajda), „Der junge Karl Marx“, „Eisenzeit“ mit entsprechenden Filmgesprächen; T.: 28.4.-1.5.2018

# Der „20er Jahre“- Filmball der Kufa macht in satirischer Form die 1.000-Jahrfeier der Hoyerswerdaer Schützengilde (einem bunten Gemisch zwischen Hoyerswerdaern „Bürgerlichen“ und „Proletariern“) von 1923 zum Thema, als nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und harten Reparationen dringend eine identitätsstiftende Heimatveranstaltung gesucht wurde. T.: 3.3.18

  1. Baustein: Asche aufs Haupt: Geplanter Ethnozid!
    Historischer Bezug ist hier der Nazi-Plan zum begonnenen und nur durch den Kriegsverlauf verhinderten Ethnozid an der sorbischen Bevölkerung. Er begann mit der kulturellen Auslöschung sorbischen Brauchtums (Schul-, Zeitungs-, Vereins-, und Sprach-Verbot und Orts-Umbenennungen) und zielte auf die Umsiedlung der Sorben als Arbeitsvolk in die eroberten Ostgebiete.

# Diesen Baustein wollen wir in Zusammenarbeit mit der Stiftung sorbisches Volk mit einer Stoffentwicklung für eine Film/Bild/Text-Dokumentation sowie Interviews von noch lebenden Zeitzeugen bearbeiten. Dazu führen wir einen offenen Projekttag/Workshop mit Schülern unter Einbeziehung des preisprämierten historischen Kurzspielfilms „Der Drache“, der von Kufa-Mitgliedern produziert wurde, durch; Umsetzung: 2018 / 2019

 

  1. Baustein – Betonköpfe – Der blanke Verrat!
    Gegenstand des Interesses ist hier der politische Diskurs unter SED-Funktionären, Architekten, Bürgern und Künstlern, die Ideale der „sozialistischen Zukunftsstadt Hoyerswerda“ aufzugeben und zugunsten wirtschaftspolitischer Erwägungen bzw. einem fatalen wirtschaftspolitischen Strategie-Fehler eine folgenreiche  Bauverdichtung in der Neustadt vorzunehmen. Der große „sozialistische Irrtum“.
    Diesen Baustein bearbeiten wir mit folgenden Veranstaltungsideen:

# Filmreihe zu verbotenen DEFA-Spielfilmen im ehemaligen Centrum Warenhaus Hoyerswerda

# von der Medienwerkstatt erstellte Dokumentation über den Stadtzeichner Arthur Aulich (84), der eine große Anzahl von Zeichnungen über Hoyerswerda vor dem Bau der Neustadt anfertigte; Premiere Amateurfilmfest;  20.10.18

# Stadtspaziergang „Spur der Steine“ (von ausgewählten Gebäuden bis zahlreich vorhandenen Stadtplastiken) wird als kulturtouristisches Angebot und mit einen Geocaching-Pfad und neuem Stadtplan weiter entwickelt

# theaterdokumentarische Lesung zur Entstehung der Neustadt und der städtebaulichen Abwendung vom Ideal der sozialistischen „Modellstadt“ – durch die Kufa-Seniorentheatergruppe „die herzogen“

# Interview-Dokumentation (Video/Audio-Aufzeichnung) von wichtigen Zeitzeugen

# Vorführung historischer Filmrollen (16mm/8mm) auf großer Leinwand mit Live-Musik in Altstadt und Neustadt und einem damit die Stadtteile verbindenden Nachtspaziergang ; 3.10.18

# feierliches Begehen von Gerhard Gundermanns 20. Todestag – Einweihung des Projektes „Gundermanns Schaltzentrale“; 21.6.2018

# Symposium internationaler Liedermachern zum Seilschafttreffen mit Präsentationskonzert und Konzert der „Liedgefährten“; 22.& 23.6.2018

# Wiederaufführung des Gundermann-Rockmusicals „Malwina“ in Kooperation mit der Musik- und Kunstschule Bischof in Hoyerswerda; 8./9. & 11. Nov. 2018

  1. Baustein – 1991 de facto: Pogrom
    Ein Bezug zu den furchtbaren September-Ereignissen 1991, die das deutschlandweite Bild von Hoyerswerda bis heute so stark prägen, darf unseres Erachtens nicht fehlen. Wir wollen hier in Kooperation mit den Gestaltern der Dokumentations-Website „Pogrom 91“ diskutieren, inwieweit die vollzogenen Maßnahmen in den letzten Jahren sowie aktuelle Aspekte des heutigen Wirkens engagierter Hoyerswerdaer Bürger-Initiativen um die Integration von Migranten darin aufgenommen werden können und müssen und somit der Blick auf Hoyerswerda vervollständigen; September 2018

 

  1. Superumbau oder Die große Schrumpfung
    Historischer Bezug ist hier der schmerzhafte Erkenntnisprozess der Hoyerswerdaer Bürgerschaft, dass ihre Heimatstadt, die planerisch 1988 vor der Entwicklung zur Großstadt stand – mit der Wiedervereinigung in einen unwiderruflichen, radikalen Schrumpfungs- und Umbau-Prozess geriet, in der sie sich als Subjekt der Gestaltung finden muss, wenn sie nicht Objekt gnadenloser Marktkräfte bzw. politischer Fernverwaltung werden will. Die Wieder-erinnerung eines gedanklichen, bürgerschaftlichen  Aufbruchs angesichts des Phänomens der „shrinking cities“. Das Projekt „Superumbau“, die Arbeit des 2007 aufgelösten Bürger-Verein „SUBversion“ und die zahlreichen Kufa-Schrumpfungs-Projekte sind Ausdruck des widersprüchlichen Versuchs einer Bürgerbeteiligung am institutionalisierten „Stadtumbaus von oben“.

# Wir wollen mit einem Ausstellungsprojekt in der Orange Box, in Verbindung mit einer „Supervision“ dieser Projekte gedenken und sie in Erinnerung bringen.

# künstlerische Portrait-Fotografie 100 Fotos 100 Menschen zwischen 1 Jahr und 100 Jahren, Ausstellung mit Bevölkerungsstatistik ,  anhand statistischer Erhebungen mit der aktuellen Altersstruktur unserer Stadt im Lausitz-Center, in Zusammenarbeit mit dem Fotostammtisch  November 2018

 

  1. Baustein – Bürgerschaftliches Träumen: Auszeit reloaded
    Im Jahre 2012 realisierte die Kufa ein aufsehenerregendes Stadtprojekt, das mehrfach prämierte Projekt „Auszeit – Nachdenken über H.“ mit zahlreichen Mitmachern und Gästen, das spannende bürgerschaftliche Projekte erfand, die z.T. in der Folge fragmentarisch realisiert bzw. nur angedacht wurden. Dieser Baustein will Hoyerswerda zum „bürgerschaftlichen Patienten“ erklären („Patient Hoytopia“) und auf das Sofa legen. Mit der dokumentarisch-künstlerischen „Verwurstung“ der lösungsfokussierten Psycho-Behandlungsmethode soll eine Reaktivierung dieser bürgerschaftlichen Projekte versucht werden. Zugleich wollen wir uns als Kufa über unsere Stellung und Funktion in der Stadt, kurz über unsere eigene Vereinsvision, öffentlich  verständigen – wir machen uns somit nach fast 25 Jahren soziokulturellem Wirken selbst zum stadthistorischen Reflexions-Gegenstand.

# Filmvorführung des Dokumentarfilms „Tomorrow“, der sich filmisch der lösungsfokussierten Behandlungsmethode  bedient

# Wiedererinnerung und Neubefragung der Auszeit-Projekte / Tag der offenen Box

# Ausstellungs- und Talk-Wochenende: eine kurze kritische Geschichte der Kufa – die Kufa legt sich als wichtiger lokaler soziokultureller Akteur legt sich selbst als Patient aufs Sofa

mit dem Ziel einer Überprüfung des Selbstverständnisses und einer strategischen Zukunftsausrichtung („Was gemacht und wohin geht’s?“)

# Fertigstellung der Kufa-Image- und Angebotsbroschüre; September 2018

 

  1. Baustein – Eine Stadt tanzt: Manifest! Vom Leidbild zum Leitbild
    Dieser Baustein möchte mit den Mitteln des Tanztheaters Position beziehen zu einem seit zwei Jahren andauernden und in die Zukunft reichenden, stadtpolitischen Vorgang: Der erneuten Überarbeitung des „Leitbildes von Hoyerswerda“, einem kommunalpolitischen Konzept, dessen Revision 2015 durch einen „Aufstand“ von empörten Bürgergruppen ausgelöst wurde, als es um einen weiteren Wohngebiets-Abriss größeren Ausmaßes ging. Der Selbstfindungsprozess der aktiven Bürgerschaft von Hoyerswerda wurde in diesem Jahr unter aktiver Bürgerbeteiligung und nunmehriger Annahme eines „Leitbildes Hoyerswerda 2030“ sowie eines Handlungsprogramms durch das Stadtparlament erfolgreich abgeschlossen. Hierin wurde erstmals ein „Idealzustand“ unserer Stadt formuliert, Werte und Richtlinien für unsere Zukunftsstadt.

# In unserem nunmehr sechsten Tanztheaterprojekt ‚Eine Stadt tanzt: Manifest’! erklären 70 (tanzende) Bürger das neue Leitbild Hoyerswerda 2030 – für eine solidarische, selbstbewusste und weltoffene Heimatstadt’ zum Manifest für Hoyerswerda, verweisen auf seine Inhalte und spielen die Umsetzung des Geschriebenen auf der Bühne durch. Der Baustein möchte mit künstlerischen Mitteln (Musik / Tanz / Filmsequenzen) dieses Leitbild unter den Bürgern weiter bekannt machen, Aufmerksamkeit und Neugier dafür erregen sowie ermutigen, sich aktiv in den Umgestaltungsprozess in der Stadt einzubringen. 1. Halbjahr 2018 / Premiere: 1.-3.6.2018

 

Änderungen möglich.

Olaf Winkler, Jens-Uwe Röhl, Uwe Proksch