Dicke Luft im Schwarzen Block

Nun, ich hatte das Glück zwanzig zu sein, als es hieß, Grenzen auf und andersrum. Ein Hauch von Anarchie wehte durch die Hochhausgassen. Also ran an den freiheitlichen Speck. Es war zuerst Schokolade und der elterlich verbotene Walkman, den ich mir im alternativen Kreuzberg gönnte.
In Kreuzberg gönnte ich mir aber auch einen kleinen Einblick in die Hausbesetzer-Szene und war von diesem freiheitlichen, kreativen Teil des Anderseins sehr angetan. Es sollte sein, dass diese plötzliche Umkehr und die vielen Möglichkeiten, die sich ergaben, viele Menschen nicht nur in meiner quadratischen Stadt in Angst und Schrecken versetzten.

Ich bekam Angstzustände, als ich mich mitten in den kleinbürgerlichen fremdenfeindlichen sich luftmachenden  Angsthasenausbrüchen  befand. Ein beklemmendes Gefühl, ein großes Unverständnis machte sich in mir breit.

Noch mehr rutschte mir das Herz in die Buchse, als der Mob es schaffte, die aus der Stadt zu treiben, die ihrer Meinung nach ein unüberwindbares Hindernis für die Verwirklichung ihres großen und ganzen Andersherum waren.

Jetzt, schon lange in einem besetzten Haus in der Altstadt wohnend, wurden wir als nächstes Ziel der nun schon gut organisierten Dummheit ausgemacht. Diese anhaltende unhaltbare Situation rief die Aufrichtigen, anders Denkenden und mit der Situation Unzufriedenen auf den Plan. Es gab nicht wenige davon in dieser Stadt. der Wart und seine Mannen organisierten Demos.  Mit dem Blasorchester „ Dicke Luft“ wurde spassguerillamäßig auf die Wichtigkeit der Kulturarbeit in alter Tradition der Aufklärung  hingewiesen.
Klarer Weise machte die Stadt Schlagzeilen  über ihre Grenzen hinaus.
Nun kamen sie die alternativen, gut organisierten Schwarzblöckler und wollten aufräumen.
In Westmanier, kampferprobt wurden im Vorfeld die Begebenheiten erkundet. Sie nahmen es, ohne zu fragen, in ihre zwei linken rot-schwarzen Hände. Ihre Meinung taten sie mit einer großen Demo kund.

Na ja, nun waren sie da, also ich – die „Oma“ ins Gesicht gezogen – und mit in den schwarzen Block.  Dachte ich…, aber; nichts war! Da herrschte dicke Luft, ich kam mir vor, wie die zuvor aus der Stadt Getriebenen. Sie ließen mich nicht in ihren elitären oder besser in ihren militären Block.

Im Nachhinein bin ich froh, ich reihte mich jetzt bei den einheimischen, aufrichtigen Ossis ein und beobachtete das Treiben des schwarzen Westblockes. Sein Tun bestätigte mich in meiner jungen pazifistischen Haltung. Sie prügelten brutal auf einen neben sich stehenden, tätowierten, betrunkenen, übermütigen Dummschwätzer-Stammtisch-Nazi ein. So hatte ich mir den Gegenpol nicht vorgestellt, ich fühlte mich wie am Nordpol und war froh, als sie die Stadt hinter sich ließen.

Die Probleme blieben, wir mussten unser Haus verlassen und viele Freunde verabschiedeten sich.
Im Heute, ist der Widerstand, die Aufklärung gegen menschenverachtende Ansichten nicht unwichtiger geworden. In Zeiten von rechten Bürgerwehren, in denen engagierten Menschen der Weggang aus der Stadt empfohlen wird, bin ich zuversichtlich, dass mit dicker Zivilcouragen-Puste  die Luft für ewig Gestrige auch ohne schwarze Blöcke  dünner wird.

Welsch Kauder

nichts mit bekommen

im elften Stock
gab es
keine Fensterläden
ach wie gern
hätten sie
hin zugeschlagen
als damals
tobte der Mob
voller Hass
gelängt von Dummheit
Ausländer raus
Faschisten an die Macht
in meiner quadratischen Stadt
ohne Fensterläden
hielten
blinde Menschen
sich die Ohren zu