Projekte Archiv: 2011 – Eine Stadt tanzt II

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Das neue Tanz-Film-Projekt von Dirk Lienig und mit 70 Einwohnern der Stadt Hoyerswerda wagt eine Fiktion. Über Nacht geschieht ein Wunder: Bürgerschaftliche Initiativen und herkömmliche Einrichtungen vernetzen sich, erstaunliche Partnerschaften entstehen. Dort, wo die Kräfte zu schwinden drohen, wird der Schulterschluss gewagt: In Vereinen, Projekten, Nachbarschaften, Schulen, Kitas und im Stadtrat … Wenn scheinbar nichts mehr geht, entsteht Raum für Neues. Etwas Ungewöhnliches passiert: Eine Stadt erfindet sich, aus sich selbst heraus, neu. „Alles was wir uns vorstellen können, ist möglich!“, scheinen die Bürgerinnen und Bürger zu behaupten!

Hoyerswerda lebt! Eine Stadt tanzt II

Ein Projekt der Kulturfabrik Hoyerswerda e.V.
Premiere 17. Juni 2011 20 Uhr (bereits ausverkauft!)
Weitere Vorstellungen 18. Juni 2011 18 Uhr & 20 Uhr, 19. Juni 20 Uhr
Ort: Tanzfabrik am Repo-Markt, Dresdener Straße 99, 02977 Hoyerswerda

 

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Dirky’s Dancing
(Sächsische Zeitung, 19.03.2011, Rainer Könen)

Beim Wiener Opernball begann meine Vorbereitung. Ich hatte vor einigen Wochen bei einer zum Rahmenprogramm gehörenden Ballettaufführung genau hingeschaut. Die Tänzer bewegten sich federleicht, unglaublich elegant. Jedenfalls sah es im Fernsehen so aus.

Montag, 20.04 Uhr. Seit 59 Minuten versuche ich mich in der Halle des Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasiums als Tänzer. Mein T-Shirt klebt an meinem Körper, der Schweiß rinnt mir übers Gesicht. Muskeln und Sehnen streiken zusehends, ob dieser ungewohnten Bewegungsabläufe.

Vom Kind bis zum Senior

Als ich gegen Viertel vor sieben die Halle betrete, stehen dort einige in Schlabberhosen und Joggingdress gekleidete Menschen herum. Projektleiter Dirk Lienig dreht ein paar Runden, macht Klimmzüge, plaudert dabei. Die kleine Turnhalle füllt sich. Kinder, Schüler, Mittdreißiger, ein paar Senioren. Etwa 50 Menschen sind zu dieser abendlichen Probe des KulturFabrik-Tanztheaterprojektes gekommen, dessen Premiere im vergangenen Jahr so erfolgreich war, dass Lienig und seine Tänzer nun diese Erfolgsgeschichte fortführen wollen. Der Arbeitstitel für die Aufführung im Juni: „Hoyerswerda tanzt, Teil II“.

Einige begrüßen mich, den Neueinsteiger. Lienig gibt mir zu verstehen, dass das hier „kein Theater ist“. Mit anderen Worten: „Du kannst dich hier nicht hinter einer Rolle verstecken.“ Beim Tanzen drücke man sich so aus, wie man sei. So stelle ich mich zu Beginn, es geht mit Bewegungs- und Kraftübungen los, denn auch dort hin, wo ich mich leistungsmäßig in diesem Ensemble einordne: letzte Reihe, am Rande. Zugegeben, fällt mir schwer, aber mir schwant, dass ich hier und jetzt doch mal realistisch sein sollte.

Grenzen überschreiten

Die ersten Übungen erinnern an Aerobic. Ich komme gut mit. Weil der 40-jährige Lienig Balletttänzer ist, kommen auch Übungsformen aus diesem Bereich. Gut, dass ich beim Wiener Opernball einiges verinnerlicht habe. Pas de deux ist nicht gefragt, aber andere Ausdrucksformen. Läuft doch super, denke ich, so schwungvoll, wie ich meine Arme öffne, mein Becken hin und her schwinge. Der Fotograf sieht das anders. „Kannst du dich nicht mal in die Mitte stellen“, fordert er mich auf. Motivisch käme ich da weitaus besser rüber. Er bringt mich aus dem Rhythmus, meine Armbewegungen erinnern mehr an einen Fliegenfischer denn an einen Tänzer. Man könnte ja nachher die Szene nachstellen, ich inmitten der anderen, meine ich. Eine bessere Figur dürfte ich da sicher machen. Mir fällt nun ein, was Lienig mir vor Beginn der Stunde erzählte. Das man beim Tanzen ständig seine Grenzen überschreite. Wie recht hat er. Ich befinde mich seit einigen Minuten im Grenzbereich zwischen Weitermachen und Aufgeben. Man lacht mich an. Oder lacht man mich aus?

Dass Tanzen im Allgemeinen nicht nur fit hält, sondern auch die Kommunikation fördert, beschreibt Lienig so: „Hier kommen Menschen miteinander ins Gespräch, die sonst nicht miteinander in Kontakt kommen würden.“ Über das, was sie formten, über diesen gemeinsam geschaffenen kreativen Prozess tausche man sich aus.

Alles wirkt etwas wirr

Mit wem soll ich mich jetzt austauschen? Und worüber? Meine Konzentration lässt beträchtlich nach, was sich auf meine Koordination auswirkt. Arm- und Beinbewegungen, alles wirkt etwas wirr. Nach einer Stunde werden tänzerische Elemente choreografiert. Ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören. Ich setze mich, schaue noch ein wenig zu, versuche ein Gefühl zu bekommen, warum rund 70 Menschen im Alter von sieben bis 70 Jahren fünf Monate lang dreimal wöchentlich proben. Nicht nur, weil sie in ihrer freien Zeit etwas für sich, für ihren Geist und ihren Körper tun, vielmehr liegt es daran, dass sie an der Entstehung eines Projektes beteiligt sind, dessen Vollendung „einfach jeden glücklich macht“, wie es mir Lienig erklärt.

Und ich? Als ich die Halle verlasse, schmerzen besonders die Zehenspitzen. Vielleicht wollte ich als Neueinsteiger an diesem Abend ein wenig zu hoch hinaus.

Die Aufführung des KuFa-Tanztheaterprojektes findet am 17./18./19. Juni 2010 in einer ehemaligen Fabrikhalle am Repo-Markt in Hoyerswerda statt. Beginn ist jeweils um 20 Uhr.