Vernissage: Kartoffeldruckbild

#Kartoffeldruck

Lockdown, Kontaktbeschränkung, Isolation, Winterdepression….

Dem muss mit kreativen Ideen und sozialen Maßnahmen entgegen gewirkt werden. Eine davon hatte der große Vorsitzende der Kufa, Herr Röhl, mit der geplanten Erstellung des „größten Kartoffeldruck-Bildes der Welt“, welches er nun als gemeinschaftsbildendes Projekt begonnen hat umzusetzen.

Sozusagen „digital meets analog“.
Die lang ersehnte Vereinigung Konrad Zuses mit der dem bodenständigen Lausitzer Ackerbau! Das kleinste (optische) digitale Element – das Pixel – dargestellt mit der archaischsten analogen Technik – dem Kartoffeldruck!

221 Einzel-Leinwände, 2,5 m x 2 m Gesamtfläche, fast 50.000 Pixel und 24 Farben vereinen sich zu einem Statement gegen den Müßiggang! Das Motiv fügt sich erst zum Schluss zusammen. Die ersten 80 Einzelbilder sind entstanden. Interessenten können sich gern für die coronahygieneregelentsprechende Mitwirkung bewerben. Info@kufa-hoyerswerda.de

 

Regelmäßig erscheinen in Folge nun auch Kunst-Rezensionen des Spiritus Rectors.

Thomas S., „Quadrat 10“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Der Malewitsch des Kartoffeldrucks

Etwas ratlos steht der Betrachter zunächst vor dem Werk des Künstlers. Auf den zweiten Blick verblüfft die konsequente Reduktion der Darstellung auf das Wesentliche. Das betrifft das Motiv wie auch die zurückhaltende Farbgestaltung mit der ausschließlichen Verwendung des Farbtons F22.
Man fühlt sich an Malewitsch – Das Schwarze Quadrat – erinnert. Thomas S. in seiner Radikalität invertiert jedoch das gesamte Farbgefüge und lässt damit bewusst Raum für eine optimistischere Weltsicht. Bei erster Betrachtung meint man eine fast feminine Strichführung zu erkennen. Diese wird allerdings sofort gebrochen durch die geschickt gesetzten derben Trocknungsrisse in den kräftig aufgetragenen Teilflächen des Bildes.
Hier spürt man die maskuline Hand des Ingenieurs. Hier bricht sich das Temperament und ja, auch innere Wut des Künstlers Bahn!
Insgesamt ein Werk, das uns in subtiler Art an der inneren Zerrissenheit und Unruhe des ewig Ruhelosen teilhaben lässt und dadurch im Innersten berührt.

 

Michaela K.., „Quadrat 54“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

In Reminiszenz an Baselitz

Man ist bei der ersten Betrachtung dieses Bildes verwirrt. Irgendwie vertraut, und doch nicht zu entschlüsseln …
Aah, dann die Erkenntnis! Das Motiv steht auf dem Kopf! Eine Hommage an den anderen großen Lausitzer Bildermaler? Wer weiß, es bleibt das Geheimnis der Künstlerin ….
Oder doch ein augenzwinkernder Seitenhieb auf eine der grundlegenden Fragen der Natur-Philosophen, die da heißt:
Was ist das Beste an der Kartoffel?
DAS MAN SIE DREHEN KANN (sonst müsste man beim Schälen immer ringsum laufen).
Wie auch immer, diese Subtilität macht Spaß! Weiter so!

 

Renate P., „Quadrat 32“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Wabi-Sabi – die Ästhetik des Unperfekten

Nur der Schöpfer schafft vollkommene Harmonie. Der Mensch fügt sich bescheiden in die Unvollkommenheit seines Wirkens.
So – oder ähnlich – lässt sich wohl ein wesentliches Prinzip des japanischen Zen-Buddhismus zusammenfassen. Dieses so konsequent und gleichzeitig leichtfüßig in der räumlichen Beschränktheit von 225 Pixeln umzusetzen – dazu gehört schon ein gerüttelt Maß Lebenserfahrung und innere Gelassenheit! Und gleichzeitig die bescheidene Unterordnung des Werkes in das zukünftige große Ganze, sozusagen das Sandkorn, das sich zum Strand am Scheibesee formt.
So wirkt Ihr Bild wie eine Leinwand gewordener Zen-Garten, der das Auge zur des Betrachters – gerade durch die Sparsamkeit der eingesetzten Mittel – zum Verweilen und zur Meditation einlädt.
Dafür Dank an die Künstlerin! Das macht neugierig auf ihre zukünftigen Arbeiten.

 

Conny D., „Quadrat 34“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Es geht voran!

Eine rationale, klare Bildkomposition – so schließt man auf den ersten Blick. Eine stringente Linie teilt die Fläche in proportionale Hälften. Bei der Farbgestaltung wurde – offenbar bewusst – auf jedes ablenkende Changieren verzichtet.
Oder verrät uns die Symbolik doch mehr? Vielleicht der Weg aus der Krise? Das dunkle hinter sich, respektive unter sich lassend; originell umgesetzt in den erdigen Farben der unteren Hälfte. Aufstrebend in eine deutlich hellere Zukunft! Zudem Raum lassend für eigene Träume durch die gefühlte Fortsetzung des Aufstieges in einen noch imaginären Raum durch das bewusste Weglassen des Zieles! Man meint die Sonne gleich durch den sich aufhellenden Äther brechen zu sehen. Aber noch ist es nicht so weit! Noch umhüllt ihren Schein der Dunst des anbrechenden Morgens.
Aber: Die zaghafte Hoffnung ist spürbar, geradezu greifbar!
Ein starkes Statement zu den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit!

 

Thomas S.., „Quadrat 76“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Dubringer Moor im Herbst

Schön zu sehen, dass es auch heute noch heimatverbundene Künstler gibt! Ein herausragendes Beispiel dafür gibt die oben dargestellte Moorlandschaft. Man meint schon oft im Herbst an derselben Stelle gestanden zu haben, den Blick streifend über die geheimnisvolle, fast mystische Landschaft …
Im Vordergrund die entlaubten, von Flechten überzogenen Schwarzerlen. Im Hintergrund schemenhaft im Nebel Totholzstämme und Gestrüpp. Und ganz vorn scheint uns der Morast geradezu magisch in seinen schlammigen Grund zu ziehen …
Lugt da etwa ein Lutki hinter dem Stamm hervor?
Man mag diese Art der Landschaftsdarstellung als naturalistisch abtun. Ich persönlich lehne mich aber gern aus dem Fenster und sehe dieses Werk durchaus in der Tradition eines Caspar David Friedrich und Kurt Klinkert!

 

Marita G., „Quadrat 109“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Pandemie
Ein Bild, dass die aktuellen Gefühle wohl vieler Menschen wiederspiegelt … Eine Welt voller Grautöne, respektive gesellschaftlichen Einschränkungen. Kaum dass sich zaghaft Licht zeigt; hier sehr schön manifestiert in den heller abgestimmten Beige-Tönen.
Doch was ist das?
Bricht sich da der blaue Himmel eine Bahn? Keimt Hoffnung am Ende des Tunnels? Dräut in der Bildmitte gar eine Injektionsnadel keck gen Himmel?
Man möchte der Künstlerin nur gar zu gern auf Ihrem Pfad der Hoffnung folgen!
Schön, dass Sie uns Optimismus in diesen schweren Zeiten vermittelt!

 

Kollektiv Hoysack, „Triptychon“ (Quadrat 86-88), 45×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Evolution
An eine ganz neue Interpretation der Kartoffeldruck-Technik wagt sich das Künstlerkollektiv Hoysack. In der Tradition der alten Meister aber auch von Otto Dix oder Oskar Kokoschka stellen Sie das Format des Triptychon in einen ganz neuen Kontext. Puristen mögen nun mäkeln: Die Flügel eines Triptychons sind doch immer kleiner als das Hauptbild usw. … Dem halte ich entgegen: Hätte sich die Form des Lebens nicht auch ständig weiterentwickelt, würden wir heute als Amöben unseren Caipirinha aus der Pfütze schlürfen …
Schon so gesehen ist das Werk eine Hommage an die Evolution!
Von links nach rechts gelesen offenbart sich dem Betrachter – wie in einem Stammbaum – die komplexe Entwicklung des Lebens über ganze Erdzeitalter. Hier spürt man die Essenz der jahrzehntelangen Zusammenarbeit des Kollektives! Hier gerinnt Lebenserfahrung zu Kunst!

 

Andrea P., „Quadrat 108“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Matrix
Warum nur lässt uns die kühle, pragmatische Bildsprache dieses Werkes frösteln? Ist es die Ahnung, dass nichts so ist wie es scheint? Diese deutliche Anspielung auf den Startbildschirm von „The Matrix“ bietet viel Interpretationsspielraum. Ist die Welt wirklich das, was wir sehen, fühlen, ja auch riechen? Oder manifestiert sie sich vielleicht etwa eher in Facebook, Telegram oder TikTok? Fragen über Fragen, mit denen uns die Künstlerin – wie einst Neo in obigem Film – bewusst allein lässt … Man kann die vielzitierte Blase förmlich fühlen! Ohne Zweifel kann man der Schöpferin dieses Werkes wohl eine erhöhte Affinität zu digitalen und virtuellen Welten unterstellen. Sie schafft es aber Diese meisterhaft in ihre künstlerische Fragestellung zu drängenden gesellschaftlichen Problemen einfließen zu lassen. Auf jeden Fall interessant!

 

Jens-Uwe R.., „Quadrat 126“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Kakophonie
Alfred Hrdlicka sagte einmal sinngemäß, dass Kunst nicht immer schön sein muss. Was aber im Umkehrschluss nicht automatisch bedeutet, dass alles Hässliche künstlerisch wertvoll ist … Das vorliegende Werk jedenfalls versucht durch überbordende Farben und verwirrende, willkürliche Formen fehlende Originalität des Malers offensichtlich zu übertünchen (den Begriff Künstler vermeide ich hier bewusst). Dieses gestalterische Chaos lässt den Betrachter ratlos zurück. Und um noch einmal den großen Alfred Hrdlicka zu zitieren: „So lieb ist der liebe Gott nun auch wieder nicht, dass er dem, der keinen Inhalt hat, die Form schenkt.“ Dem ist wohl in diesem Fall leider nichts mehr hinzuzufügen ….
Schade!

 

Anita G., „Quadrat 169“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Kryptokunst
Ein spannendes Experiment wagt die Künstlerin obigen Werkes. In einer Zeit, in der zunehmend Non-Fungible Tokens (NFTs) gehypt werden, versucht Sie sich an einer Adaption dieser Kryptokunst: Zurück in die analoge Welt! Da es bei dieser Kunstform inzwischen fast ausschließlich um Fälschungssicherheit und Wertzuwachs geht, verzichtet Sie in Ihrer Arbeit konsequenter Weise komplett auf inhaltliche Aussagen und ästhetische Aspekte. Das mag den konservativen Rezipienten schmerzen, aber auch der Kunstmarkt muss schließlich mit der Zeit gehen … Immerhin erzielen ja selbst einzelne (!) Pixel eines Tokens inzwischen NFT-Preise bis zu 1200 EUR! (Und hier handelt es sich immerhin um 225 Pixel!) Wer braucht da noch eine künstlerische Message!
Nun wäre es aber äußerst schade, wenn uns diese Leinwand aus schnöden monetären Gründen im Gesamtwerk verlustigt gehen würde.
Trotzdem spannend und (vielleicht) zukunftsweisend!

Duo Eckert, „Diptychon“, 30×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Widersprüche
Die beiden Künstler_Innen, die seit geraumer Zeit als Duo agieren, sind in der Szene für Kontroversen und Ihren feministischen Ansatz hinreichend bekannt. Dabei hinterfragen Sie gegensätzliche Pole wie Mann-Frau, Ying-Yang oder Ping-Pong. Dies kennzeichnet auch Ihr aktuelles Werk, dass bezeichnender Weise als Diptychon angelegt ist. Die Autorenschaft der beiden Tafeln bleibt bewusst offen. Auf der linken Seite eine fast naturalistische Bildsprache mit unverschlüsselten Motiven (sehr gelungen die androgyne Gestalt im Vordergrund); auf der anderen Seite eine Darstellung, die vordergründig unvollendet scheint …
Größer könnten die Gegensätze nicht sein! Links: Trügerische Harmonie. Rechts: Ein Hinweis auf die „weiße Löcher“ hinsichtlich der wahren Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau? Oder einfach die Aufforderung an den Betrachter, diese Fläche mit eigenen Ideen zu füllen?
Auch interessant: Die unterschiedliche Sichtweise der Generationen auf das Thema!
Auf jeden Fall ein gelungener und wichtiger Beitrag zur Gender-Diskussion!

Uwe P. („GF“), „Quadrat 203“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Hybris

Unter dem bedeutungsschwangeren Synonym GF präsentiert uns hier ein hinlänglich bekannter „Kreativer“ sein aktuelles Werk. Eigentlich sollte dieses Bild unter dem Titel „Das Letzte“ inauguriert werden. Einfach, weil GF bis zum Schluss gewartet hat, um einen – aus seiner Sicht – künstlerischen Paukenschlag unter das Projekt zu setzen. Nach Rezeption des vorliegenden Produktes hat das Kuratorium jedoch Abstand von diesem Titel genommen, da dieser in diesem Fall nur berechtigte (negative) Assoziationen fördern würde ….
Wie nur soll man diesem Werk gerecht werden?
Die wohl beabsichtigte farbliche Opulenz (14 Farben!) verkommt zu beliebiger Buntheit. Der figürlichen Darstellung fehlt Schwung und Kraft. Ich vermisse Leidenschaft; ich vermisse das Herz und den Bauch des Künstlers! Das ganze Bild wirkt irgendwie, als wenn hier eine Druckvorlage stoisch auf die Leinwand übertragen wurde …(ohne dem Künstler zu Nahe treten zu wollen).
Zudem weist die abweichende Handschrift etlicher Stempelabdrücke darauf hin, dass er offensichtlich seine Angetraute – unter Einforderung ihrer ehelichen Pflicht – zur Ausführung herangezogen hat.
Fazit: Handwerklich solide. Aber das reicht nicht.

Gruppe „Die Mitzschies“,„Quadrat 216“, 15×15 cm, Acryl auf Leinwand / Kartoffeldruck, 2021

Metamorphosen I -VIII

Die junge Künstlergruppe hat sich an dem Projekt mit einer ganzen Werkschau beteiligt. Hier allerdings beschränken wir uns beispielgebend auf ein Werk (Metamorphose VI), dass exemplarisch für die ganze Serie steht. Dieses Kunstkollektiv weckt mit seinem Namen „Die Mietzschies“ nicht von ungefähr Assoziationen mit einer (z.B.) Hochseiltruppe (spontan fallen mir da die „Geschwister Weisheit“ ein). Ihre Kunst ist ja bekanntermaßen auch oft ein Balanceakt, ja, eine Gratwanderung zwischen aufblitzendem Genius und Kitsch. Mit jugendlicher Unbekümmertheit kombinierten Sie in der Vergangenheit gern wohldosierte Provokation mit kalkuliertem Skandal. Umso erstaunlicher, dass sie bei den vorliegenden Stücken auf eine eher konventionelle Form-und Farbsprache zurückgreifen. Dadurch wirkt Ihre Kunst ungleich erwachsener; jedoch ohne an Kraft und Esprit einzubüßen. Deutet der übergreifende Titel (Metamorphosen) explizit auf das Erreichen einer neuen, künstlerischen Entwicklungsstufe hin? Oder hat man für eine möglichst rätselhafte Bildunterschrift wieder mal einfach mit verbundenen Augen ins Fremdwörterbuch getippt?
Beides würde passen … Es bleibt spannend!

 

(Laudatio: Jens-Uwe Röhl)